Meine Erfahrung...

Es stellt ein großes Geschenk dar, 
die intimen Erfahrungen aus Lebenskrisen und besonderen Umständen zu verschriftlichen und dem Leser hier zur Verfügung zu stellen. Mut und Hoffnung soll vermittelt und den Wert, therapeutischer Begleitung, transparent gemacht werden.
An dieser Stelle gilt mein ausgesprochener Dank den wunderbaren Menschen, die ihr geistiges Gut in Liebe mit uns teilen.

Januar 2023

Eben noch mit Freunden gelacht. Dann eine Nachricht: „Ruf mich bitte mal an! Mama ist auf dem Weg ins Krankenhaus, weil sie plötzlich ohnmächtig wurde und auf den Kopf gestürzt ist.“

Von einem Moment auf den anderen ist das Leben ein ganz anderes. Du funktionierst die meiste Zeit über nur noch. Kümmerst dich um das unvermeidbar bürokratische, obwohl es sich so absurd anfühlt. Wo ist die Patientenverfügung? Aufklärungsgespräche mit Ärzten, einlesen bei Dr. Google. Ein Papa, der überfordert ist und  alle Verantwortung an dich abgibt. Keine Geschwister. Keiner der dir sagen kann, was nun die richtige Entscheidung ist. Sich blind auf den Rat der Ärzte verlassen müssen. Jeden Tag die Mutter auf der Intensivstation besuchen und die Geräte beobachten, weil man nach ein paar Minuten ohnehin nicht mehr weiß, was man sagen soll, in Anbetracht der Tatsache, dass der Mensch, der dort liegt, deiner Mutter nur noch im Entferntesten ähnlichsieht. Kahl geschorener Kopf, aufgedunsen, überall Kabel, piepsen der Geräte, röcheln von ihr und vom Nachbarbett, Pfleger: innen, die rumwuseln. Nach ein paar Tagen, wechseln die Bettnachbarn, weil sie wach werden und in Reha verlegt werden. Deine Mutter wacht nicht auf. Sie stirbt aber auch nicht. Hoffen, bangen, was waren die letzten Worte, die gewechselt wurden? Am letzten Weihnachtsfest gestritten. Weinen. Schreien. Alles verfluchen. Und dann…weitermachen.

Bekannte und Familie, die nachfragen. Dein Papa will nix hören, nix wissen. Ist überfordert. Ja, das bin ich auch, aber ich mache einfach weiter. Weil ich muss. Nebenbei geht das Leben einfach weiter: Arbeit, Teenager versorgen und ebenfalls auffangen, einkaufen, essen, duschen… 

Irgendwann kommt Mama doch in Reha. Keine nennenswerten Fortschritte. Aber sie wird wach und realisiert selbst, was passiert ist. Dass der Körper praktisch nicht mehr gehorcht. Husten. Atemnot. Absaugen. Erste Pflegehandgriffe erlernen. Pflege für Zuhause organisieren. Krankenbett, Toilettenstuhl, Rollstuhl, Lifter (was ist das? Wie funktioniert das?).

Beantragen von Pflegezeit. Wieder Bürokratie. Immer wieder mal an allem verzweifeln. Weitermachen. 

Sie kommt endlich nach Hause. Jetzt geht es ihr bestimmt besser. Es wird bergauf gehen. Ganz sicher.

Lernen, wie man Erwachsenenwindeln wechselt; Medikamente über eine PEG-Anlage gibt, anders Lagern, Wundversorgung, Insulin geben, Organisation für Krankentransport zur Kontrolle des neuen Herzschrittmachers. Weiter hoffen, weiter Therapien organisieren. Trainieren in der freien Zeit zwischen der medizinischen Pflege. Allen Mut zusprechen und die eigenen Ängste und Befürchtungen verdrängen. 

Und irgendwann ist ein halbes Jahr vergangen. Ein ganzes Jahr. Und langsam wird nicht nur dir bewusst, dass alle Prognosen der Ärzte, Therapien und Bemühungen nicht zu Erfolg führen, sondern, alles wird stattdessen schwächer. Die letzte verbliebene Kraft und Beweglichkeit in der linken Hand. Das letzte Wort, dass sie noch spricht. Der Lebenswille und das Strahlen in den Augen deiner Mutter. Die gegenseitigen Blicke. Auch ihr ist das alles vollkommen bewusst. Des erkennen der endlichen Wahrheit.

Und trotzdem geht es weiter. Es hört nicht einfach auf. Sie quält sich immer mehr. Und du kannst ihr nicht helfen. Du kannst dich noch so sehr anstrengen. War alles umsonst? Nein. Hätte man schon früher was anderes tun sollen? Nicht tun sollen? Schlechtes Gewissen. Fragen…und es wird keine Antworten geben. Und wieder und wieder der Gedanke: das ist einfach nicht fair! 

 

„Es ist wie es ist“ sagte früher meine Mutter immer. Und so ist es auch gerade einfach das, was es ist. Und jeden Tag geht es weiter. Mit Ungewissheit, was heut passiert; in der nächsten Stunde, im nächsten Augenblick. 

 

Und das Leben ist trotzdem kostbar. Es sind die kleinen Augenblicke. Ein Lächeln. Eine Auszeit in der Natur. Mit Freunden. Und in der Praxis, die ich so „PRAXIS“… gar nicht nenne möchte. Ein Wohlfühlort bei dem alle Gefühle sein dürfen. Die Angst, die Trauer, die Wut. Und der Geschmack eines guten Tees. Eine Umarmung. Und ein Mensch, der dich begleitet auf diesem ganzen beschwerlichen Weg. Durch alle Höhen und Tiefen. Für dich eintritt. Dir knallhart auch mal sagt, was DU brauchst und dich erinnert und bestärkt, dich in dem ganzen Chaos  nicht selbst vollkommen aus den Augen zu verlieren. 

 

Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, für das, was mir dort „begegnet“. Klar muss ich immer noch alles Zuhause alleine stemmen und aushalten. Aber neben Freunden und Familie stärkt meine Therapeutin mir den Rücken und in der Zeit bei ihr lerne ich zu erkennen, was wichtig ist und was nicht. Ich komme raus aus dem „funktionieren müssen“. Ich lerne zu reflektieren, alles anzunehmen, was ich ohnehin nicht ändern kann und zu unterscheiden, wo ich doch noch die Macht habe, etwas zu ändern. Mich selbst bei alledem nicht zu vergessen. Und alles andere darf auch einfach sein. Es ist, wie es ist.

 

DANKE